Donnerstag, 2. März 2017

Zipfel und Löffel - Suckneiärmelformen um 1340

Nikolaus Hofbauer (mim AT)
Ronald Vetter (mim UK)

Mode macht vor gar nichts halt. Auch nicht vor dem finstren und ach so grauslichen Mittelalter nicht.  Zu einer Zeit in der der Adel Modeträger Nummer 1 war und sich ständig von dem ihm modisch nacheifernden Volk abzuheben suchte war Mode zwar nicht wie heute ein Thema von Sommer- oder Winterkollektionen sondern eher von Dekaden, aber sie war da.

Der Überrock (auch altfranzösisch Surcot oder Succenie, im österreichischen Suckl oder mittelhochdeutsch Sucknei genannt) wurde als Ausgehkleidung getragen. Beim Adel ist sie auch als heraldisches (in den Wappenfarben des Hauses) Kleidungsstück anzutreffen welches oft aus edlen Materialien hergestellt war. Als besondere Form im 14ten Jahrhundert sei hier die Höllefenstersucknei genannt die sich bei den Damen um 1340 großer Beliebtheit erfreute

Den meisten Veränderungen war die Oberbekleidung des Adels und des Klerus unterworfen. Hier zeigten sich leuchtende dunkle Farben, vornehmlich Rot, Blau und Grün und Purpur und wurden zum Teil mit edelsten Fellen gefüttert. Während in der Regel Wolle und Leinen als Stoffe für Bekleidung vorherrschten, zeigen Liefer– und Zolllisten aus den großen Städten des Mittelalters, dass auch importierte Seiden- und Brokatstoffe beim Bürgertum und vor allem beim Adel sehr beliebt waren.


In diesem Artikel wollen wir ein wenig auf die Modeentwicklung bei den Ärmeln der Überröcke für Männer um 1340 eingehen und dabei auch die direkten Vorläufer und Abschlussentwicklungen nicht aus den Augen verlieren.

Während seit der 1300er Jahre auf dem Gebiet der Rockärmel keine große Entwicklung zu beobachten ist (die Ärmel waren am Unterarm eng anliegend und des öfteren mit dich platzierten Knöpfen versehen) tut sich bei den Ärmeln der Sucknei in den ersten Jahrzenten des 14. Jahrhunderts einiges:

Um 1300 war noch der klassische Überrock des 13. Jahrhunderts zu finden, die Sucknei fiel in der Regel bis zu den Knöcheln, war ärmellos und mit relativ kleinen Armlöchern versehen:

Deutsche Suckneiformen um 1300 aus einer Weltchronik (BSB Cgm 6406) u. d. Weingartner Liederhandschrift (HB XIII)
Während bei den Damen die Ärmellose Variante noch lange Zeit vorherrschend bleibt und sich durch immer größer und größer werdende Armlöcher auszeichnet ("Höllenfenster") beginnt im ersten Drittel das 14.Jahrhunderts der männliche Surcot allmählich Ärmel zu zeigen!

Anfangs handelt es sich hierbei um halblange oder dreiviertellange, leicht geweitete Ärmel mit geradem Abschluss, hier gezeigt aus einer französischen Handschrift und einer Handschrift aus Österreich um 1330-1335, also zu einem Zeitpunkt an dem eine andere Ärmelform bereits entwickelt wurde und der gerade Ärmel als altmodisch zu betrachten ist: 

Gerade Suckneiärmel aus Frankreich (1.Drittel 14.Jhdt.) und Österreich (um 1330-1335)

Mit dem Beginn der 30er Jahre beginnt man dann mit diesen "neugewonnenen" Ärmeln zu experimentieren, der Zipfelärmel erscheint von Frankreich als Modenation ausgehend beinahe zeitgleich in ganz Europa und findet um 1340 seinen Höhepunkt:

Zipfelärmel zwischen 1330 und 1340 aus Österreich, Deutschland und, sogar bei Frauen aus England und Frankreich


Besonders schön kann man die Ärmelmodeentwicklung an einer österreichischen Handschrift um 1330-1340 ablesen die von der Grundform (gerader Ärmel) über Halbformen (leicht ausgestellter Ärmel bei einer Person niederen Standes) bis zum Zipfelärmel (hochadelige Mode) sämtliche Ärmelformen der Zeit um und vor 1340 abbildet:

Suckneiärmel in der Entwicklung - Österreichische Handschrift (cod. s. n. 2612) 1330-1340
Mit dem Voranschreiten der Zeit und dem Vordringen in die 40er Jahre wird aus dem leicht ausgestellten Zipfelärmel durch Vergrößerung allmählich der Löffelärmel geformt:

Einfach Löffelärmel aus den 1340er Jahren in Deutschland und Frankreich

Diese Entwicklung findet dann um 1350 mit den überlangen Löffelärmeln ihren endgültigen Abschluss:

Modisch stark herausgearbeitete Löffelärmel aus Österreich und Frankreich



English summary
The article and the illustrations above are researching the development of the sleeves seen on the garments which are widely know as English "surcoat", Old French "Surcot" or "Succenie", Austrian "Suckl" or German "Sucknei".
The surcoat can either refer to a coat worn over other clothes or the outermost garment itself. The name derives from "over the coat", a long, loose, often sleeveless coat reaching down to the feet.
While no major sleeve development has been observed since the 1300s  there is much to be learned from the surcoat's sleeves in the early 14th centuryAt the beginning of the 1330's a kind of experimenting can be observed:  the lapel sleeve of France appears as a fashionable trend almost throughout Europe, and around 1340 it nearly reaches its climaxThe sleeves can be seen particularly well on an a series of manuscript dated to early 14th century: 
  • beginning with its basic form (straight sleeves)
  • over half-forms (slightly flared sleeves in a person of low standing)
  • to the cuffed sleeve (high-needle fashion) all sleeve forms of the time around and before 1340's
While going further forward in time up to and from the 1340's, the "spoon sleeve" is gradually formed from the slightly flared sleeve by further enlargement, ending eventually in the "tippets" being worn as an external addition to the than narrowed sleeves of the late 14th century.